Excerpt from Wandernde Melodien: Eine Musikalische Studie Abgesehen von dem Weltverkehr, mit dem ich mich später ausführlich beschäftigen werde, lässt sich auch ein reger Binnen verkehr beobachten und nachweisen. Die klingenden Gesellen sind immer unterwegs; aus der Werkstatt ziehen sie auf die Landstrasse mit dem Handwerksburschen in die Herbergen, um sich von hier aus wieder zu zerstreuen bis in das entlegenste Städtchen, bis in's kleinste Dorf. Vom Tanzboden gelangen die Eindringlinge in die Kinderstuben, aus den Concertsälen ent schlüpfen sie und mischen sich unter die Schnitter auf dem Felde, leisten dem Jäger im Walde Gesellchaft oder kürzen dem Sol daten auf der Wache die Stunden. Vom Theater und von den Gassen bahnen sie sich den Weg in die Kirchen und um gekehrt. Manche Melodie gleicht dem ewigen Juden dem nie ruhenden, niemals sterbenden! Es giebt Motive von solcher Lebensfähigkeit und Lebenszähigkeit, dass ihre Existenz fast so alt ist als unsere Zeitrechnung. Viele blühten schon im poetischen Minnesange, sassen zünftig in den Schulen und Zechen der Meister sänger und ruhen nun anscheinend in den heiligen Hallender Kirche aus. Eine grosse Anzahl folgte dem Zuge und Drange des Wittenberger Reformators und flüchtete sich aus dem Weih rauchdufte und dem mystischen Dunkel der katholischen Dome in die hellen luftigen Räume der protestantischen Gotteshäuser. Wer viel in der Welt herum kommt, sich überall in Land und Leute schicken muss, der erleidet mehr oder weniger merk liche Veränderungen, nimmt da und dort etwas von Sprache und Sitte an und mag schliesslich in der Fremde für einen Eingebore nen, in seiner Heimath aber für einen Fremdling angesehen werden. Genau so verhält es sich mit unsern melodischen Aben teurern. Niemals, oder doch nur selten, bleiben sie, was und wie sie sind; ja, es gehört zu kleinen Umwandlungen keine grosse - Reise, denn schon auf dem Wege zum Nachbar gehen bisweilen kleine Eigenthümlichkeiten verloren und andere treten an ihre Stelle, wie wir aus den unzähligen, fast täglich sich vermehren den Lesarten der sogenannten Volksweisen ersehen können. Die Umbildung hat kein Ende. Ich habe hier mit Absicht ein verfängliches Wort gebraucht! Die zahlreichen Anhänger des Dogma's vom die aus jedem Taote das "wehen und Walten des Genius zu hören vorgeben, wollen von den atheistischen und destructiven Tendenzen der Umbildungslehre Darwin's nichts Um nun wenn möglich zu über zeugen, füge ich hier einige Beispiele ein, welche zunächst dar thun sollen, dass eine Umbildung existirt. Ich beschränke mich auf einige melodische Motive, obwohl die ungeheure Zahl der Varianten und Stereotypen ein voluminöses Buch mit Leichtigkeit bis an den Rand füllen würde.
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